Mittwoch, 28. Mai 2014

El cerro Yaguaron

Am 19. Mai bin ich ganz spontan nachmittags mit einem Freund zu dem Berg „Yaguaron“ aufgebrochen. Nach 1,5 Stunden Fahrt (vom Terminal aus) kamen wir an und mussten diesen Berg – wortwörtlich – hochklettern. 


Die Aussicht, die sich uns dann oben angekommen bot, lohnte sich! Schön, tatsächlich mal ein wenig mehr von diesem Land zu sehen!


Wir tranken Terere (das Nationalgetränk), ließen die Gedanken einen Moment lang schweifen und mussten uns dann auch schon wieder an den Abstieg machen, denn die Dämmerung setzte schon ein! Glücklicherweise hatte ich (alte Pfadfinderin) natürlich eine kleine Taschenlampe dabei, die das Herunterklettern erheblich vereinfachte.

Auf den Bus zurück mussten wir nicht lange warten und so kam ich heil, aber erschöpft am letzten Montagabend wieder zuhause an.

Dienstag, 27. Mai 2014

Weihnachten im Mai

Operation Christmas Child (Samaritan's Purse)
Am 20. Mai kam ein Pastor zu uns ins Projekt und erzählte den Kindern etwas über bzw. aus die Bibel. An sich nichts Neues für mich, denn jeden Freitag kommt Skidder, ein amerikanischer Missionar, der den Kindern Geschichten aus der Bibel vorliest oder ihnen Englisch beibringt. Diesmal erzählte uns Roberto Carlos, so hieß der (mir) Unbekannte, von der Vergebung von Sünden. Wie er dann die Brücke dahin schlug, dass Großzügigkeit etwas Gutes ist, weiß ich nicht mehr genau; jedoch verteilte er anschließend an jedes Kind einen Schuhkarton voller Geschenke. Diese Kartons wurden in Kanada gepackt, einige enthielten sogar Briefe (auf Englisch) und Fotos von der Person, die den Karton gepackt hatte.


Sie enthielten allerlei nützliche Dinge: Bleistifte, Blocks, Scheren, Buntstifte, Federtaschen, Kartenspiele, Plüschtiere, Zahnbürsten, Seife, Socken, Haargummis, Süßigkeiten und kleine Spielzeuge. (Ich würde den Wert jeder einzelnen Kiste zwischen 10-15€ schätzen)


Auch hatte der Pastor noch kleine Bibel-Comics und TOMS-Schuhe für die kleineren Kinder dabei (die größeren Größen waren wohl schon vergriffen). TOMS ist eine Marke, die weltweit (ich bezeichne sie mal als Slipper, also leichte Schuhe) für (wie ich finde, teure) 20€ verkauft werden. Die Marke hat sich aber zum Grundsatz gemacht, dass sie für jedes verkaufte Paar ein Paar an mittellose Kinder spenden. Insofern ist der Preis dann ja (fast) wieder gerechtfertigt und man hat sogar das Gefühl, etwas Gutes zu tun, wenn man sich selbst neue Schuhe kauft. Am 20. Mai konnte ich dann mal die andere Seite erleben, und live dabei sein, wie den Kindern diese Schuhe geschenkt wurden.


Klar haben sich die Kinder über die Geschenke gefreut, aber nicht so, wie wir Europäer oder wahrscheinlich auch die Kanadier sich das vorstellen. Leider muss ich sagen, dass die Kinder diese Geschenke nicht wirklich wertgeschätzt haben, was ja zu wünschen wäre. Die Freude über die Dinge war schnell verflogen, dann wurde verglichen, wer die tolleren Geschenke hat, Tauschgeschäfte wurden gemacht, außerdem wurden Verpackungen aufgerissen und achtlos auf den Boden geschmissen (ich durfte sie dann später aufsammeln). Obwohl die Kinder eine Freiwillige (nämlich mich) im Hort haben, die die englische Sprache beherrscht, wollte eigentlich niemand seinen Brief übersetzt bekommen - und einige der Briefe landeten gleich im Müll! Das eine Foto, das mitgeschickt wurde, wurde mit der Frage „Zeig mal, hat die Geld?“ quer über den Tisch rufend angefordert. Schade! Ich hab dann mal ein einzelnes Kind angesprochen und mit ihm über die Kisten geredet. „Glaubst du, dass die Person, die deine Kiste für dich gepackt hat und dir etwas schenken wollte, viel Geld hat?“ Nach kurzem Zögern, denn diese Frage war offensichtlich unerwartet, antwortete mir Junior „Ich glaube nicht, aber ein großes Herz.“ – Na, die Antwort versöhnte mich dann doch ein bisschen.

Ich erinnere mich noch, dass ich in der Mittelstufe auch einmal an einem ähnlichen Projekt teilgenommen habe. Meine damalige Schule hatte dazu aufgerufen, Schuhkartons für - wenn ich mich recht erinnere - afrikanische Kinder zu packen. Ich weiß nicht mehr genau, ob ich damals einen Brief geschrieben habe, aber jetzt, wo ich gesehen habe, wie wenig die Kinder mit solchen Briefen anfangen können, würde ich vielleicht nicht mehr unbedingt mitmachen. Man muss grundlegend was ändern in der Welt, keine Allmosen verteilen.


21. Mai – warme Klamotten von Skidder
Letzte Woche hat (der schon oben genannte) Skidder den Kindern Klamotten geschenkt, und zwar wirklich "justito" (im richtigen Moment), denn schon am nächsten Tag fiel die Temperatur um 15°C(!!!) auf etwa 10°C! Es gab für jedes Kind eine lange warme Hose, einen Pulli/Sweatshirt, sowie 1x Unterwäsche und ein Paar Socken. Die Kinder erhielten die großen Pakete (jeweils wurde ein Foto von der "Überreichung" gemacht) und probierten ihre neuen Klamotten gleich über.


Im Hof wurde dann noch ein Gruppenbild gemacht, welches Skidder seiner Kirche in Michigan (den Spendern) zuschicken wird und dann zogen die Kinder die „warmen“ Klamotten (> 90% Polyacryl) wieder aus und verstauten sie in ihren Rucksäcken.
Auch in diesem Fall ist wenig Dankbarkeit von der Seite der Kinder zu spüren. Aber vielleicht ist das hier auch einfach so. Vielleicht schätzen diese Kinder die Geschenke insgeheim im Stillen und zeigen es aus Stolz nicht so.
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Jetzt, eine Woche danach, ist es leider immer noch kalt. Nach einem dreiviertel Jahr Flip-Flops-Ttragen bin ich jetzt wieder auf meine Chucks umgestiegen, auch zieh ich schon meine Thermo-Leggins unter meine Jeans - denn im Projekt haben wir keine Heizung und wenn ich mich da stundenlang (bei heute 8°C) aufhalte, will ich mich schließlich nicht erkälten! Wenn die Kinder dann trotzdem in Flip-Flops kommen, schaudert's mich echt! Das ist echt schlimm mit anzusehen! Schwer zu verstehen, denn eigentlich besitzen sie alle Schuhe und auch Socken. Als ich meine Profe fragte, warum die Kinder denn in Flip-Flops kommen würden, antwortete sie, dass die Eltern ihre Kinder "so" (also mit Flip-Flops "bekleidet") ins Projekt schicken würden; - DAS ist das wirklich Schlimme. Da blieb mir der Mund echt offen stehen, da weiß man dann wirklich nicht mehr, was man darauf sagen soll!

Freitag, 23. Mai 2014

La película „Libertad“

Heute gibt's einen kürzeren Post als gestern, und heute wird's auch nicht so kritsch, denn heute möchte ich nur von einem kleinen Highlight berichten: Zum Feiertag der Independencia Nacional, dem Unabhängigstag Paraguays am 15. Mai, habe ich bei mir im Projekt dank der Unterstützung meiner Gast-Familie den Film „Libertad“, also Freiheit, zeigen können. Dieser Film wurde erst vor einigen Jahren zum 200jährigen Bestehen des Landes gedreht und handelt davon, wie Paraguay die Freiheit/Unabhängigkeit von Spanien erhält. Geschichte zum Anfassen!


Wir haben also einen Beamer, zwei große Papierbahnen als Leinwand, einen Verstärker und einen DVD-Player, sowie  - um das Kinoerlebnis perfekt zu machen - Pororo (Popcorn) und Gaseosa (Cola & Fanta) mitgebracht. Den Kindern hat dieses Erlebnis, glaube ich, ganz gut gefallen und ich bin froh, mal ein wenig für Abwechslung gesorgt zu haben. Vielleicht hat ja sogar das ein oder andere Kind so ein wenig mehr über die paraguayische Geschichte gelernt...?
Meine Gast-Familie hatte mir den Film schon vor Monaten voller Stolz präsentiert: meine Gast-Schwester spielt darin eine Nebenrolle.

Donnerstag, 22. Mai 2014

Viaje al Chaco

Anfang Mai (9.-11.) hatte AFS Capiata eine Reise ins Chaco organisiert. Eigentlich fand ich den Preis (80€) zu teuer und das Programm zu krass durchgeplant. Außerdem steh ich nicht so auf solche AFS-Reisen, weil das für mich immer bedeutet, mit einem Haufen internationaler 16jähriger in einem Bus irgendwohin zu tuckern und eigentlich nicht wirklich was von Land & Leuten mitzubekommen. Aber da ich an dem Wochenende noch nichts anderes vor hatte und quasi ja die Möglichkeit bestand, dass wenn man in‘ Chaco fährt, und man auch tatsächlich was vom Chaco sieht, bin ich doch mitgefahren. Die Reise nach Salto Cristal war ja schließlich auch nicht wirklich schlecht gewesen. Außerdem wurde mir in meiner ganzen Paraguay-Zeit immer wieder von „den Deutschen“ im Chaco, den Mennoniten erzählt, mal positiv, mal negativ, insofern war ich gespannt, diesen Teil Paraguays mal selbst kennenzulernen und mir ein eigenes Bild davon machen zu können. Meine Erlebnisse musste ich jedoch echt erstmal einen Moment sacken lassen, bevor ich darüber schreiben konnte, und ich hoffe, dass ich euch jetzt einen guten Einblick vermitteln kann.


Ich ließ mich also auf dieses teure, vermeintliche Abenteuer ein und wurde lieberweise am Freitag um 23 h abends von meinen Gast-Eltern zum AFS-Büro gebracht, wo der riesige Reisebus schon wartete. Um 24 h ging‘s dann tatsächlich pünktlich los und wir fuhren die ganze Nacht durch, bis wir morgens um 7 h in Menno, einer Mennoniten Kolonie, ankamen. Wir bekamen als erstes einen kurzen Film gezeigt, von dem ich leider nicht allzu viel verstand, der aber die Geschichte der Mennoniten behandelte. Zum Glück gab‘s danach auch noch Broschüren auf Spanisch, Englisch und Deutsch.

Aus der Deutschen möchte ich hier zitieren:
Wer sind die Mennoniten?
Die Mennoniten sind eine freie evangelische Glaubensgemeinschaft. Sie entstand im 16. Jahrhundert in Mitteleuropa in der Reformationszeit. Diese Gruppe wollte Lehren der Bibel radikal in ihrem Leben umsetzen. Anstatt der Kindertaufe führten sie die Erwachsenentaufe auf den persönlichen Glauben ein, so dass sie Wiedertäufer oder Taufgesinnte genannt wurden […] Der Priester Menno Simons aus Witmarsum, Holland, trat 1536 aus der katholischen Kirche aus, schloss sich den Täufern an und sammelte diese verfolgten Brüder und wurde ihr Leiter. Nach ihm wurde diese Gruppe Mennisten oder Mennoniten genannt.
Aufgrund ihrer radikalen Glaubenshaltung wurden die Mennoniten lange Zeit hart verfolgt und viele starben als Märtyrer. Sie lehnten den Militärdienst ab und lehrten die radikale Trennung von Staat und Kirche. Verfolgung und Unterdrückung führten ab 1530 schon zu Wanderungen ostwärts bis Danzig und Weichsel-Gegend (Polen – Preußen), wo sie die Sumpfgebiete für die wirtschaftliche Bearbeitung trocken legten.Landnot und Wehrpflicht in Preußen führten bald wieder zur Wanderschaft. Der Einladung der Zarin Katharina II folgend, zogen ab 1788 Mennoniten nach Südrussland und gründeten dort Kolonien […] Im Jahre 1874 wanderten einige Mennoniten aus Russland nach Kanada aus […] und siedelten dort an. Am Anfang bestanden die Mennoniten aus einer religiösen Gruppe Wiedertäufer die ausschließlich europäischer Herkunft waren. Dank der Missionsarbeit gibt es heute Mennoniten in aller Welt.

Die Kolonie Menno im Chaco
1926/1927 wanderten 1743 kanadische Mennoniten (200 Familien) nach Paraguay aus und gründeten eine Kolonisationsgemeinschaft im Zentralen Chaco. Dies sollte die erste von vielen Mennonitenkolonien werden, und sie wurde Menno genannt.
Grund der Auswanderung: Die kanadische Regierung veröffentlichte 1916 ein Einsprachegesetz, wodurch nur Englisch in den Schulen unterrichtet werden sollte. Dieses wurde von den Mennoniten als Eingriff in die Glaubensfreiheit angesehen, da sie in den privaten deutschen Gemeindeschulen vor allem auch den christlichen Glauben weitergaben.
Warum Paraguay? Der damals noch unerschlossene wilde Chaco bot Siedlungsland in einer von der Welt abgelegenen Gegend, und die paraguayische Regierung genehmigte den Siedlern Glaubensfreiheit, Selbstverwaltung, Befreiung vom Militärdienst, und bot den Mennoniten somit eine Heimat, in der sie ihren Prinzipien gemäß leben konnten.
Heute: Es leben in Menno 9.609 deutsch-mennonitische Siedler in 100 Dörfern; im Zentrum Loma Plata allein sind es 4.147. Sie besitzen 755.000 ha Land; 1927 wurden 54.800 ha gekauft.

Wie aus diesem (bewusst? lückenhaften) Auszug schon deutlich wird, begreifen sich die Mennoniten als Vertriebene. Dass sie aber selbst die indigene Bevölkerung Paraguays vertrieben haben, und diese aus ihren tollen deutschen Gemeinden ausschlossen, oder sie nur als billige Arbeitskräfte ausgebeutet haben, steht nirgends…Sie haben es vermutlich nicht bemerkt.
In den letzten Jahren wurden allerdings sogenannte „Nachbarschaftshilfsprojekte“ gegründet, die den Indigenen jetzt helfen sollen. Auf diese Projekte ist man mächtig stolz, dass das aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist (den die Mennoniten durch ihre Vertreibung und Ausgrenzung erst so „heiß“ gemacht haben), möchte natürlich niemand hören…

Wir besichtigten anschließend noch eine von Mennoniten geführte Milchfabrik, eine der größten Paraguays, ein Museum, in dem ich nach langer Zeit wieder deutsche Wörter las, und fuhren dann noch nach Fortin Boqueron, einem Ort, an dem wohl eine entscheidende Schlacht zwischen Uruguay und Paraguay geführt worden ist. Dort gab es zum Mittagessen auch noch Asado, bevor wir zurück nach Filadelphia in ein drei-Sterne-Hotel fuhren, um dort zu übernachten.


Für Sonntag wurde angekündigt, dass wir die indigene Bevölkerung besuchen würden. Genau wie ich es mir schon in meinen schwärzesten Gedanken ausgemalt hatte, fuhr der klimatisierte Reisebus in ein indigenes Dorf und die ganzen Weißen (selbst Paraguayer sind ja nur hellbraun) stiegen aus, um sich umzusehen und "Gutes zu tun". Wir sollten die extra für diesen Zweck mitgebrachten, ausgetragenen Klamotten an die Indigenen verschenken. Ich fand die ganze Situation echt fürchterlich! So überhaupt nicht "auf Augenhöhe". Eher wie im Zoo, wenn man wilde Tiere besucht und füttert. Zudem trugen die Indigenen alle bessere Klamotten als meine Kinder in meinem Projekt. Andere Mitreisende fanden die Situation nicht so schlimm wie ich, verschenkten ihre alten Kleidungsstücke beherzt und fühlten sich nach der Aktion besser als vorher. Als wir nach ca. einer halben Stunde wieder in den Bus stiegen und davonfuhren, blieb für mich ein bitterer Nachgeschmack zurück. Solche Aktionen vergrößern den (Kommunikations-)Spalt nur noch. Genau so sollte es nicht laufen! Lieber hätte ich mit den Indigenen zusammen Mittag gegessen, oder sie – dann auf Augenhöhe, mit Respekt – durch den Kauf von Kunsthandwerk oder Snacks unterstützt, aber so, so fand ich die Begegnung echt unwürdig und absurd.

Anschließend fuhren wir noch zu Lateinamerikas größtem Flughafen, der höchstwahrscheinlich wirklich nur flächenmäßig der Größte ist, denn die eigentlichen Landebahnen oder einen Terminal sahen wir nirgends. Wer will denn auch schon in‘ Chaco? Eben: Niemand! Nachdem wir auf dem Flughafengelände zu Mittag gegessen hatten (wieder Asado) ging‘s dann auch „schon“ zurück nach Asunción. Nach 9 (!!!) Stunden Fahrt kamen wir um 1h nachts endlich wieder am Terminal an; und wenn mein goldiger Gast-Bruder mich nicht abgeholt hätte, hätte ich wohl ein Vermögen im Taxi lassen müssen.

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Vom Chaco hatte ich also insgesamt -wie befürchtet - nicht wirklich viel gesehen. Dass AFS Capiata diese Reise in dieser Weise schon seit Jahren wiederholt, kann ich eigentlich auch nicht wirklich glauben. Klar, ein wenig hab ich gesehen, ein wenig, wenn auch nur sehr einseitig über die Geschichte der Mennoniten erfahren. Sicher ist, dass es keine Altnazis sind, die nach‘m zweiten Weltkrieg ausgewandert sind, um sich da ihr nächstes "Reich" aufzubauen; aber diese Verdrängung von Einheimischen befremdet mich schon. Im Supermarkt und in den Museen waren die Beschilderungen auf Deutsch - und das in Paraguay - und unser Reiseführer sprach fließend Deutsch (mit amerikanischem Akzent).

Auch wenn viele Paraguayer die Mennoniten loben, dass sie in den wirklich harten und trocknen Chaco Infrastruktur und Fabriken gebracht und somit auch Arbeitsplätze geschaffen haben, ist mir insgesamt ein seltsamer Nachgeschmack geblieben – mit den Deutschen da im Chaco hab ich nichts am Hut.

Dienstag, 6. Mai 2014

Fiona & Shrek

Vergangenes Wochenende bin ich mit meiner Gast-Familie zu einer Hochzeit nach CdE (Ciudad del Este) gefahren. CdE ist die zweitgrößte Stadt Paraguays, liegt, wie der Name schon sagt, im Osten des Landes und ist etwa 330 km – also mindestens 5 Autostunden von Asunción entfernt. „Glücklicherweise“ waren zwei meiner vier Geschwister durch Klausuren verhindert, sodass wir nur zu fünft fuhren (sonst hätten wir nämlich noch die zwei Sitze im Kofferraum einbauen müssen und insgesamt alle weniger Platz gehabt).
Am Freitagnachmittag ging das lang erwartete Abenteuer dann endlich los! Nach einer gefühlt ewigen Fahrt kamen wir im Dunkeln bei der Familie der Braut an. Wir bestellten noch Pizza und fielen dann todmüde in unsere Betten.

Am Samstag stand nicht nur die Hochzeit, sondern auch eine große Shopping-Tour an: Denn CdE ist ein wahres Paradies für Schnäppchenjäger! Wikipedia schreibt „Aufgrund ihrer strategischen Lage im Dreiländereck zwischen Argentinien, Brasilien und Paraguay, der Triple Frontera, ist Ciudad del Este ein Einkaufs- und Handelszentrum […] Nur ein Teil dieses Handels ist legal, ein Großteil basiert dagegen auf dem Schmuggel mit den Nachbarländern Argentinien und Brasilien. Auch werden sehr viele gefälschte Markenartikel verkauft.“ Neben Klamotten gibt es verdammt viel Technik zu (wie ich vermute) sehr guten Preisen – und, wie mein Gast-Vater mehrmals betonte, sei CdE die einzige Stadt, in der alle Preise im Internet veröffentlicht werden – man muss halt nur wissen, was man will, dann könnte man gezielt suchen und den besten Preis finden.
Wir kauften also tatsächlich extrem viele Dinge: von Rücksäcken über Taschen, Koffer, Klamotten, und auch Technik, sodass auf der Rückfahrt kein Platz mehr im Kofferraum war! Alle Preise waren nur in US-Dollar ausgeschildert, was die Preise noch niedriger erscheinen ließ (4$ = 20.000 Gs). Aber man konnte auch mit Guaranies (der offiziellen paraguayischen Währung) bezahlen. Eine weitere (wie ich finde, seltsame) Eigenart ist, dass man am "Ort 1" seine Artikel „abgibt“, dann bekommt man eine Quittung, die man am "Ort 2" bezahlt, dort kriegt man dann einen Stempel, um dann am "Ort 3" seine inzwischen verpackte Ware abzuholen. Meiner Meinung nach sind das reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen – zudem super kundenunfreundlich, da das Prozedere ewig dauert. Und ob die einzelnen Artikel dann in der Tüte landen, ist dann auch noch mal so ne Sache... Da kann natürlich einiges schief gehen; und wenn man (wie wir) die Tüten kaum noch zählen kann, dann verliert man schnell den Überblick! Wenn man selber packt, ist das anders. Und man stelle sich einmal vor, man würde sich ein sehr teures Produkt wie z.B. ein Iphone 5, ein Tablet oder ein Notebook kaufen und bezahlt erstmal ~500$, kriegt dafür nur eine kleine Quittung und darf dann mit diesem „teuren“ Zettelchen noch mal durch´s halbe Einkaufszentrum laufen um „Ort 3“, die Warenausgabe, zu finden – ein NoGo, wie ich finde! Aber hier total normal.

Erschöpft von dieser Shopping-Tour kamen wir dann nachmittags „nach Hause“, wo das Aufbrezeln für die Hochzeit schon begonnen hatte – also nichts mit Ausruhen. Während meine Gast-Schwester und -mutter zum Frisör fuhren, machte ich mich auch fertig. Die Gäste sollten sich um 19.30 h in der Kirche einfinden, wo um 20 h die kirchliche Trauung stattfinden sollte. Jedoch kamen meine Schwester und meine Mutter erst um kurz nach 20h vom Frisör zurück – und mein Kleid musste noch gebügelt werden... Erstaunlicherweise war ich jedoch die einzige, die davon gestresst war. Gegen 20 nach 20 h kamen wir dann bei der Kirche an und gingen quasi mit dem Brautpaar gemeinsam in die Kirche hinein. Also alles ganz tranquilo. Und, ach ja: meine Gast-Familie nannten Teresa & David, das Brautpaar, im Geheimen „Fiona & Shrek“ – daher die Überschrift – obwohl ich weder „Fiona“ noch „Shrek“ ähnlich hässlich wie deren Namensgeber fand, aber ja gut. Nach der kirchlichen Trauung fuhren wir zum aufwendig geschmückten Festsaal. Dort wurden natürlich viele Fotos gemacht, es wurde Brautwalzer getanzt, getrunken und gegessen, der Brautstrauß geworfen – das Übliche halt.


(von links nach rechts: mein Gast-Vater Pedro, ich, Shrek, Fiona, meine Gast-Mutter Franci und zuletzt meine Gast-Schwester Fabi (Renato schlief schon im Auto))

Vier Kellner servierten den Gästen Getränke und Essen – zügig geht anders. Das Essen irritierte mich (doch sehr seltsam): Ein Stück Hühnerfleisch, ein Stück Schweinefleisch, etwas Kartoffelsalat (Kartoffel mit Mayo), Reis und dazu zwei weiße, leicht süße Brötchen. Da das Fleisch auch noch mit einer weißen Soße bedeckt war, war der (weiße) Teller eigentlich nur mit weißen Zutaten bedeckt – keine Farbe, kein Gemüse (die 2,5 Kartöffelchen zählen nicht). Ich hatte mir was Eindrucksvolleres vorgestellt. Naja.
An einem Stand konnte man sich Cocktails mischen lassen und gegen 1h ging dann auch das Licht aus und die Leute fingen an zu tanzen. Da wir aber alle vom Shopping-Trip erschöpft waren, tanzten wir nicht bis in die Morgenstunden, sondern fuhren gegen 2h „nach Hause“. Am Sonntag traten wir dann gegen 11 h die Heimfahrt an, und kamen sogar vor Einbruch der Dunkelheit wieder in Villa Elisa an.

Insgesamt hatte ich ein sehr schönes, wenn auch anstrengendes Wochenende mit meiner Familie und ich bin sehr dankbar, dass sie mich mitgenommen haben. Tolle Familie – tolles Erlebnis!
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Auf einmal vergeht die Zeit doch ganz schnell, jetzt sind´s nur noch 57 Tage bis zum Flug! Gerade wo’s anfängt, mir zu gefallen, steht der Abflug schon so nah – komisch ist das! Mal sehen, was ich in den verbleibenden Tagen noch erleben werde – ich werde Euch auf dem Laufenden halten. Besos & bis ganz bald, Annie