Anfang Mai (9.-11.) hatte AFS Capiata eine Reise ins
Chaco organisiert. Eigentlich fand ich den Preis (80€) zu teuer und das
Programm zu krass durchgeplant. Außerdem steh ich nicht so auf solche
AFS-Reisen, weil das für mich immer bedeutet, mit einem Haufen internationaler
16jähriger in einem Bus irgendwohin zu tuckern und eigentlich nicht wirklich
was von Land & Leuten mitzubekommen. Aber da ich an dem Wochenende noch
nichts anderes vor hatte und quasi ja die Möglichkeit bestand, dass wenn man
in‘ Chaco fährt, und man auch tatsächlich was vom Chaco sieht, bin ich doch
mitgefahren. Die Reise nach Salto Cristal war ja schließlich auch nicht
wirklich schlecht gewesen. Außerdem wurde mir in meiner ganzen Paraguay-Zeit
immer wieder von „den Deutschen“ im Chaco, den Mennoniten erzählt, mal positiv,
mal negativ, insofern war ich gespannt, diesen Teil Paraguays mal selbst
kennenzulernen und mir ein eigenes Bild davon machen zu können. Meine
Erlebnisse musste ich jedoch echt erstmal einen Moment sacken lassen, bevor ich darüber schreiben konnte, und
ich hoffe, dass ich euch jetzt einen guten Einblick vermitteln kann.
Ich ließ mich also auf dieses teure, vermeintliche Abenteuer
ein und wurde lieberweise am Freitag um 23 h abends von meinen Gast-Eltern zum
AFS-Büro gebracht, wo der riesige Reisebus schon wartete. Um 24 h ging‘s dann
tatsächlich pünktlich los und wir fuhren die ganze Nacht durch, bis wir morgens
um 7 h in Menno, einer Mennoniten Kolonie, ankamen. Wir bekamen als erstes einen
kurzen Film gezeigt, von dem ich leider nicht allzu viel verstand, der aber die
Geschichte der Mennoniten behandelte. Zum Glück gab‘s danach auch noch
Broschüren auf Spanisch, Englisch und Deutsch.
Aus der Deutschen möchte ich hier zitieren:
Wer sind die Mennoniten?
Die Mennoniten sind eine freie evangelische Glaubensgemeinschaft. Sie
entstand im 16. Jahrhundert in Mitteleuropa in der Reformationszeit. Diese
Gruppe wollte Lehren der Bibel radikal in ihrem Leben umsetzen. Anstatt der
Kindertaufe führten sie die Erwachsenentaufe auf den persönlichen Glauben ein,
so dass sie Wiedertäufer oder Taufgesinnte genannt wurden […] Der Priester Menno
Simons aus Witmarsum, Holland, trat 1536 aus der katholischen Kirche aus,
schloss sich den Täufern an und sammelte diese verfolgten Brüder und wurde ihr
Leiter. Nach ihm wurde diese Gruppe Mennisten oder Mennoniten genannt.
Aufgrund ihrer radikalen Glaubenshaltung wurden die Mennoniten lange
Zeit hart verfolgt und viele starben als Märtyrer. Sie lehnten den
Militärdienst ab und lehrten die radikale Trennung von Staat und Kirche. Verfolgung
und Unterdrückung führten ab 1530 schon zu Wanderungen ostwärts bis Danzig und
Weichsel-Gegend (Polen – Preußen), wo sie die Sumpfgebiete für die wirtschaftliche
Bearbeitung trocken legten.Landnot und Wehrpflicht in Preußen führten bald
wieder zur Wanderschaft. Der Einladung der Zarin Katharina II folgend, zogen ab
1788 Mennoniten nach Südrussland und gründeten dort Kolonien […] Im Jahre 1874
wanderten einige Mennoniten aus Russland nach Kanada aus […] und siedelten dort
an. Am Anfang bestanden die Mennoniten aus einer religiösen Gruppe Wiedertäufer
die ausschließlich europäischer Herkunft waren. Dank der Missionsarbeit gibt es
heute Mennoniten in aller Welt.
Die Kolonie Menno im Chaco
1926/1927 wanderten 1743 kanadische Mennoniten (200 Familien) nach
Paraguay aus und gründeten eine Kolonisationsgemeinschaft im Zentralen Chaco.
Dies sollte die erste von vielen Mennonitenkolonien werden, und sie wurde Menno
genannt.
Grund der Auswanderung: Die
kanadische Regierung veröffentlichte 1916 ein Einsprachegesetz, wodurch nur Englisch
in den Schulen unterrichtet werden sollte. Dieses wurde von den Mennoniten als
Eingriff in die Glaubensfreiheit angesehen, da sie in den privaten deutschen
Gemeindeschulen vor allem auch den christlichen Glauben weitergaben.
Warum Paraguay? Der damals noch
unerschlossene wilde Chaco bot Siedlungsland in einer von der Welt abgelegenen
Gegend, und die paraguayische Regierung genehmigte den Siedlern
Glaubensfreiheit, Selbstverwaltung, Befreiung vom Militärdienst, und bot den
Mennoniten somit eine Heimat, in der sie ihren Prinzipien gemäß leben konnten.
Heute: Es leben in Menno 9.609
deutsch-mennonitische Siedler in 100 Dörfern; im Zentrum Loma Plata allein sind
es 4.147. Sie besitzen 755.000 ha Land; 1927 wurden 54.800 ha gekauft.
Wie aus diesem (bewusst? lückenhaften) Auszug schon
deutlich wird, begreifen sich die Mennoniten als Vertriebene. Dass sie aber
selbst die indigene Bevölkerung Paraguays vertrieben haben, und diese aus ihren
tollen deutschen Gemeinden ausschlossen, oder sie nur als billige
Arbeitskräfte ausgebeutet haben, steht nirgends…Sie haben es vermutlich nicht bemerkt.
In den letzten Jahren wurden allerdings sogenannte „Nachbarschaftshilfsprojekte“
gegründet, die den Indigenen jetzt helfen sollen. Auf diese Projekte ist man mächtig stolz, dass das aber nur ein Tropfen
auf den heißen Stein ist (den die Mennoniten durch ihre Vertreibung und
Ausgrenzung erst so „heiß“ gemacht haben), möchte natürlich niemand hören…
Wir besichtigten anschließend noch eine von Mennoniten
geführte Milchfabrik, eine der größten Paraguays, ein Museum, in dem ich nach
langer Zeit wieder deutsche Wörter las, und fuhren dann noch nach Fortin
Boqueron, einem Ort, an dem wohl eine entscheidende Schlacht zwischen Uruguay
und Paraguay geführt worden ist. Dort gab es zum Mittagessen auch noch Asado, bevor
wir zurück nach Filadelphia in ein drei-Sterne-Hotel fuhren, um dort zu
übernachten.
Für Sonntag wurde angekündigt, dass wir die indigene
Bevölkerung besuchen würden. Genau wie ich es mir schon in meinen schwärzesten Gedanken
ausgemalt hatte, fuhr der klimatisierte Reisebus in ein indigenes Dorf und die
ganzen Weißen (selbst Paraguayer sind
ja nur hellbraun) stiegen aus, um sich umzusehen und "Gutes zu tun". Wir sollten die extra für diesen Zweck mitgebrachten,
ausgetragenen Klamotten an die Indigenen verschenken. Ich fand die ganze
Situation echt fürchterlich! So überhaupt nicht "auf Augenhöhe". Eher wie im Zoo,
wenn man wilde Tiere besucht und füttert. Zudem trugen die Indigenen alle
bessere Klamotten als meine Kinder in meinem Projekt. Andere Mitreisende fanden die Situation nicht so
schlimm wie ich, verschenkten ihre alten Kleidungsstücke beherzt und fühlten sich nach der Aktion besser als vorher. Als wir nach ca. einer halben Stunde wieder in den Bus
stiegen und davonfuhren, blieb für mich ein bitterer Nachgeschmack
zurück. Solche Aktionen vergrößern den (Kommunikations-)Spalt nur noch. Genau so sollte es
nicht laufen! Lieber hätte ich mit den Indigenen zusammen Mittag gegessen, oder
sie – dann auf Augenhöhe, mit Respekt – durch den Kauf von Kunsthandwerk oder Snacks unterstützt,
aber so, so fand ich die Begegnung echt unwürdig und absurd.
Anschließend fuhren wir noch zu Lateinamerikas größtem
Flughafen, der höchstwahrscheinlich wirklich nur flächenmäßig der Größte ist,
denn die eigentlichen Landebahnen oder einen Terminal sahen wir nirgends. Wer
will denn auch schon in‘ Chaco? Eben: Niemand! Nachdem wir auf dem
Flughafengelände zu Mittag gegessen hatten (wieder Asado) ging‘s dann auch „schon“
zurück nach Asunción. Nach 9 (!!!) Stunden Fahrt kamen wir um 1h nachts endlich
wieder am Terminal an; und wenn mein goldiger Gast-Bruder mich nicht abgeholt
hätte, hätte ich wohl ein Vermögen im Taxi lassen müssen.
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Vom Chaco hatte ich also insgesamt -wie befürchtet - nicht wirklich viel
gesehen. Dass AFS Capiata diese Reise in dieser Weise schon seit Jahren wiederholt,
kann ich eigentlich auch nicht wirklich glauben. Klar, ein wenig hab ich
gesehen, ein wenig, wenn auch nur sehr einseitig über die Geschichte der
Mennoniten erfahren. Sicher ist, dass es keine Altnazis sind, die nach‘m zweiten
Weltkrieg ausgewandert sind, um sich da ihr nächstes "Reich" aufzubauen; aber diese Verdrängung von Einheimischen befremdet mich schon. Im Supermarkt und
in den Museen waren die Beschilderungen auf Deutsch - und das in Paraguay - und unser Reiseführer sprach fließend Deutsch (mit amerikanischem Akzent).
Auch wenn viele Paraguayer die Mennoniten loben, dass sie
in den wirklich harten und trocknen Chaco Infrastruktur und Fabriken gebracht
und somit auch Arbeitsplätze geschaffen haben,
ist mir insgesamt ein seltsamer Nachgeschmack geblieben – mit den Deutschen da
im Chaco hab ich nichts am Hut.
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