Zusammenfassend ein paar Punkte, die mir aufgefallen sind:
- ALLE begrüßen sich IMMER mit Küsschen links, Küsschen rechts. Und das ist echt anstrengend bei größeren Gruppen!
- das Busfahren im Allgemeinen – jedes Mal wieder ein Abenteuer! Eine Busfahrt kostet 40 Cent, die Busse sind steinalt (manche sind kurz davor, auseinander zu fallen), dann wird damit meist meeega geheizt und Busfahrpläne gibt’s natürlich auch nicht…(Pünktlichkeit in jeder Beziehung ein Fremdwort!)
- Gitter vor wirklich ALLEN Fenstern. Auch ist jedes Grundstück durch hohe Zäune oder Mauern geschützt. Eine Freundin von mir hatte sogar jedes Mal 3 Schlösser/Türen aufzuschließen, wenn sie nach Hause kam. Da möchte man sich nicht vorstellen, was passieren würde, wenn es brennt…
- (fast) überall Klimaanlagen (um die manchmal über 40°C iwie zu überleben)
- Empanadas & Chipas an jeder Ecke (für maximal 50 Cent/Stück) – so günstig wirklich leckeres Essen zu bekommen, das werd ich echt vermissen!
- die Armut;
die (minderjährigen) Verkäufer auf den
Straßen & in den Bussen, die einem zu jeder Tages- und Nachtzeit alles Mögliche (von Waschpulver
und Zahnpasta über Sonnenblumenöl, Kaugummis, Obst und Cola bis hin zu
elektronischen Artikeln wie Fernseher-Antennen und Fernbedienungen) verkaufen
wollen. Auch der wirklich krasse Kontrast zwischen den Menschen, die viel
verdienen und die dicken Autos vorm Haus stehen haben, und denen, die in selbst
zusammen geschusterten Hütten wohnen und deswegen bei Regen echt aufgeschmissen
sind. Und die „Reichen“ streiten manchmal sogar ab, dass nachts Kinder arbeiten; sie befassen
sich mit diesen Problemen gar nicht, sie "schauen weg" und genießen ihre Freizeit in so
genannten „Social Clubs“, zu denen eh nur Besserverdienende Zutritt haben.
- die vielen (meist
echt verwahrlosten) Straßenhunde, die glücklicherweise meist friedlich sind und einem aus
dem Weg gehen. "Normale" Hunde, die zuhause gehalten werden, "wohnen" nur im Garten - sowas wie Gassi-Gehen (womöglich mit Tüte!) kennt man hier nicht. Klar, dass die Hunde dann nicht genügend "Auslauf" kriegen, frustiriert oder aggressiv werden - in Deutschland würde man das wahrscheinlich schon unter Tierquälerei einordnen. Meine jetzige Familie hat 3 Hunde, die sich vllt auf 40 qm "austoben" dürfen - obwohl sie die Hunde lieben, echt traurig!
- der Fleisch-Konsum.
Die paraguyische Bevölkerung isst viel viel Fleisch (fast ein Nationalsport
möchte ich als Fast-Vegetarierin behaupten), und es wird so ziemlich jeden Sonntag Asado gemacht
(gegrillt). Grillen sieht dann auch nicht so wie in Deutschland aus, mit
Würstchen und Steaks, nein, hier kommt die halbe Kuh auf´n Grill – was natürlich manche Urlauber,
wie z.B. auch Kasi echt großartig fanden… Auch die Kinder in meinem Hort und meine Geschwister essen nur
widerwillig (wenn überhaupt) Gerichte ohne Fleisch: „Da würde ihnen etwas
fehlen“, „Das sei doch nicht lecker“, wird als Grund angemerkt. Alles eine Frage der Erziehung, aber wer
so aufwächst, der findet den täglichen Fleisch-Konsum eben ganz normal. (Was bedeutet das für den Treibhauseffekt?)
- Straßenverkehr: generell wird nur selten links abgebogen, weil das den Verkehr zu sehr stören würde; anstelle
dessen wird dann lieber 3 x rechts abgebogen.
- Verhältnis Mann/Frau: mir, als weißer Europäerin, wird generell und grundsätzlich immer hinterher gepfiffen, egal wo ich langgeh, oder Autos hupen;
dazu werde ich dann angestarrt als sei ich außerirdisch (ich führe das darauf zurück, dass Paraguay sehr wenig Tourismus hat und daher der Kontakt mit "Menschen aus anderen Ländern" keine alltägliche Erfahrung ist).
- das Fernsehen
wird von viel viel Werbung und sehr vielen, ziemlich sehr nackten Frauen mit
"gemachten" Brüsten dominiert. In meiner ersten Familie war das gemeinsame
Fern-Schauen ja die einzige gemeinsame Aktivität – inzwischen gehört´s glücklicherweise
nicht mehr so zum Familienalltag. In meiner neuen Familie werden lieber ausgeliehene Filme zusammen geguckt!
- die Supermärkte.
Sie sind alle meeega riesig, so ähnlich wie Walmart in Hamburg, als es das noch gab. Und es gibt dort
wirklich alles zu kaufen (ich werd noch mal einen gesonderten Blogeintrag dazu
machen, denn das würde hier den Rahmen sprengen)
- ständige
Stromausfälle gehören zum Alltag. Meist kommt der Strom zwar fix wieder,
trotzdem, für mich echt eine neue Erfahrung, wenn man auf einmal im Dunkeln
sitzt. Ich vermute einfach mal, dass das an den ganzen oberirdischen, sehr abenteuerlich
zusammengeknoteten Leitungen liegt, die man so sieht.
- auch sehr typisch (für, ich glaube, alle
lateinamerikanischen Länder) ist, dass das Klopapier
nicht ins Klo, sondern in den Klomülleimer geworfen wird, damit die Rohre
nicht verstopfen (inzwischen hab ich mich ganz gut dran gewöhnt) - eigentlich auch praktisch, denn so muss kein Klärwerk das Papier erst wieder rausfischen.
- Fortbewegung: hier fährt
alles, was fahren kann (das kann man echt wörtlich nehmen!). Von
Pferde-Karren über Autos, bei denen man sich echt wundert, dass sie sich noch
bewegen, bis hin zu Motos (Motorrädern) mit bis zu 4 Leuten drauf. Nicht selten
sieht man auch, wie Menschen auf Ladeflächen mitgenommen werden. Helme
oder Anschnallgurte gelten hier als überbewertet. Besonders gruselig finde ich es, wenn
Gasbehältnisse (diese großen „Flaschen“, die zum Kochen an den Herd angeschlossen werden) mitgenommen oder Babys mit auf den
Motos transportiert werden - da fällt die Gewöhnung schwer, da schaudert´s mich auch jetzt noch.
- Lomadas
heißen die Bodenwellen, die selbst die schlimmsten Raser zum langsam-Fahren
zwingen. Sie sind meist so hoch, dass man selbst mit Schrittgeschwindigkeit mit
dem Unterboden seines Autos aufsetzt. Leider sind diese nicht in allen Straßen,
sodass trotzdem noch viel gerast wird.
- Lebensart: das
in-den-Tag-Hineinleben. Es werden so ziemlich nie Pläne gemacht. Man lebt spontan und geht
z.B. mindestens zweimal am Tag einkaufen (morgens weiß man ja
noch nicht, was man abends zu Abend essen will). Mir fällt diese Lebensart sehr schwer, ich hab nichts gegen Pläne und zelebriere die Vorfreude auf geplante Events z.B. sehr - damit erntet man hier Unverständnis, aber irgendwie hat die Art hier auch was für sich. Da man die Spontanität den Paraguayer eh nicht austreiben kann, muss man halt einfach mitziehen, es akzeptieren, wobei ich sagen muss, dass meine
Gast-Mutter jetzt schon Fortschritte macht und manchmal sogar schon Gedanken an das
Essen für Morgen verschwendet! Dann lobe ich sie immer ;-)
- die
Naturverschmutzung. In Paraguay gibt es keinen nicht-kontaminierten See,
jeder Bach und auch der Rio Paraguay sind vergiftet mit Industrieabflüssen und
Müll. Das liegt wahrscheinlich einfach an der fehlenden Aufklärung – die Menschen
denken einfach nicht darüber nach. Immer wieder muss ich mit ansehen, wie einfach
Müll über das offene Busfenster entsorgt wird – das ist echt schlimm! Kindern
versuche ich dann manchmal zu erklären, dass das nicht sinnvoll ist und man das nicht macht, auch in
meinem Projekt ermahne ich die Kinder immer wieder, aber ob sie´s auch zuhause
dann umsetzen, das bleibt halt so die Frage...
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------Und "Anmerkung": Da das jetzt zum Großteil von mir negativ ausgelegte
Punkte waren, möchte ich hier auch nochmal kurz sagen, dass es auch viel Positives
gibt. Von der Lebensart könnten wir gestressten Europäer uns sicher was abgucken, die Bedeutung von Familie und Freundschaft sind hier bemerkenswert! Und dass es fast durchweg nur gutes Wetter gibt (das man monatelange
Shorts & Flipflops tragen kann), daran könnte ich mich echt gewöhnen. Aber wie
ihr jetzt auch wisst, gibt’s in diesem Land einfach super viele Probleme, vor allem die Kluft zwischen Arm und Reich (daraus entsteht Gewalt und Bedrohung, d.h. Eingeschränkt-sein im alltäglichen Leben), und
man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Dass die Politiker dazu noch korrupt
sind und sich nicht um die Bevölkerung scheren, hilft dabei natürlich wenig, das Land nach vorne
zu bringen. Ich bin gespannt, wie sich Paraguay in den nächsten
10 Jahren machen wird, Potential ist da, einige wollen wirklich was verändern,
und ich werde – wenn auch nur im Kleinen – versuchen, dazu beizutragen.